Verfasst von: arcuido | Februar 19, 2008

Lesenswert.

Anmerkung: Unterstrichene Stellen in den Zitaten wurden im Original kursiv gedruck

Björn Süfke: Die männliche Angst vor den Gefühlen

Süfke untersucht die Frage, woher die Tendenz bei Männern kommt, ihre Gefühle zu verdrängen. Seine Erklärung, die man teilen mag oder auch nicht: In unserer Gesellschaft fehlt es den kleinen Jungen an echten männlichen Identifikationsfiguren. Die wichtigste Bezugsperson als Säugling ist die Mutter, weiter geht es mit Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen. Ihre Väter sehen die Jungs erst erschöpft nach Feierabend, oder als Eventmanager am Wochenende – nach Süfke zu wenig, um als positive Identifikationsfigur dienen zu können. Auch Männerfiguren in den Medien bieten hierfür keine hinreichende Grundlage.

Aufgrund dieser Tatsache, so Süfke, wählen die Jungs eine “Umwegindentifikation”. Da sie aus unmittelbarer Erfahrung nur das kennen, was typisch weiblich ist, definieren sie die männliche Rolle als alles Nicht-Weibliche. Süfke spricht vom “Nicht-Nicht-Mann”.
Zu dieser These kann man stehen, wie man will. Spannend wird es, wenn Süfke den Mechanismus beschreibt:

Nun nimmt das Drama seinen Lauf. Die Abgrenzung von der Frau, von der Mutter, von dem als weiblich Angenommenen bedeutet für die Jungen, dass sie jene inneren Anteile, die sie ansonsten nur von Frauen kennen, abspalten müssen: Trauer, Angst, Zärtlichkeit oder das Bedürfnis nach Trost. Denn nach der grausamen Logik der Umwegidentifikation handelt es sich hierbei um Nicht-Mann-Anteile. So lernen Jungen, diese normalen, allgemein-menschlichen Impulse, die immer wieder aus ihrem Inneren heraus entstehen, zu fürchten und am Ende zu verachten. [...] Entscheidend dabei ist, dass nicht nur die Ereignisse, die Trauer, Angst oder Hilflosigkeit auslösen, sondern diese Gefühle an sich gefürchtet und vermieden werden. [...]

Nun lassen sich Gefühle aber nicht einfach ausschalten. Was macht der Nicht-Nicht-Mann, wenn er doch einmal von ihnen “übermannt” wird? Er externalisiert sie. Und holt sich Orientierung und Richtschnur von außen.

Wenn Gefühle Handlungsrichtlinien sind, müssen Männer, denen der Zugang zu diesen Gefühlen weitgehend versperrt ist, Handlungsmotivationen zwangsläufig im Außen suchen, in politischen Ideologien oder beruflichen Zielen. Auch für ihre persönliche Zufriedenheit brauchen Männer oft die Bestätigung von Außen, weil die inneren gefühlsmäßigen Rückmeldungen bezüglich der eigenen Bedürfnisbefriedigung fehlen.[...]

Hmm. Ist das so typisch männlich? Mir fallen auf Anhieb mehr Frauen ein, die unbedingt geliebt werden müssen, um sich nicht minderwertig zu fühlen. Ein gesundes Selbstwertgefühl? Fehlanzeige.
Aber sei’s drum: Was auf Männer zutrifft, muss für Frauen nicht zwangläufig falsch sein.

Süfke jedenfalls liefert eine Erklärung, warum sich derart deformierte Männer so gern in hochabstrakte Glaubens- und Gedankensysteme verrennen:

Eine zentrale Folgeerscheinung der fortschreitenden Gefühlsferne vieler Männer ist ihr Hang, besser Zwang zur Abstraktion. Es ist eine notwendige Konsequenz des verwehrten Zugangs zu den eigenen Gefühlen, sein Handeln in der Welt der Ideologien zu stützen. Wer innere Handlungsimpulse nicht wahrzunehmen vermag, ist darauf angewiesen, Verhaltensanleitungen von außen zu erhalten, sich an generellen Prinzipien oder Grundsätzen zu orientieren.[...] Dogmen aller Art eignen sich ganz besonders gut für selbstbezugslose Handlungsbegründungen.

So wertvoll und einsichtsreich diese Passagen auch sind: An Süfkes Artikel stört mich das unterschwellige Postulat vom grundsätzlich defekten Mann, während die Wünsche der Frauen an die Männer mehr oder weniger unhinterfragt bleiben.

[...] Es sollte am liebsten ein fürsorglicher, emotionaler und sensibler Mann sein, mit dem männlichen Charisma eines Georges Clooney. Ein ganzer Mann im wahrsten Sinne des Wortes.
[...] Einer, der das Halzhacken mit nacktem Oberkörper gern unterbricht, wenn die Frau aus dem Büro kommt, um bei einem Latte macchiato über ihren Arbeitstag zu sprechen.[...]

Sie will ja “nur” reden. Im Extremfall läuft es darauf hinaus, dass frau ihr halbes Leben damit verbringt, über das zu quasseln, was sie in der anderen Hälfte erlebt hat. Ist das eine effiziente Art, mit seiner knapp bemessenen Lebenszeit umzugehen?
Außerdem bringt sie den Ärger von der Arbeit mit nach Hause und belastet auch noch die Beziehung damit. Gedanklich ist sie noch gar nicht heimgekommen, sondern steckt noch im Büro fest, hat den Feierabend gewissermaßen noch vor sich. Und bringt sich ganz nebenbei um die Möglichkeit, im Hier und Jetzt mit ihrem Liebsten etwas zu erleben, das einen Ausgleich zum belastenden Büroalltag schaffen könnte. Vermutlich wird sie ihn später sogar anraunzen, wenn sie friert, weil er nicht genügend Brennholz gehackt hat. ;-)
Der “männliche Weg” mit dem Alltag umzugehen, ist nicht grundsätzlich besser oder schlechter als der “weiblich” – er ist zunächst einmal anders. Und trägt nicht nur pathologische Züge.

Wolf Schneider: Die neun Mythen der Esoterik

Wolf Schneider ist profiliertes Mitglied der Esoterik-Szene, u.a. als Herausgeber des Magazins “Connection”. Um so beachtenswerter ist sein Rundumschlag, mit der er mit Dogmen und in der Szene allgemein akzeptierten “Wahrheiten” aufräumt, sie zumindest relativiert.
Im einzelnen rechnet er mit folgenden Mythen ab:

  1. Das Ego ist schlecht.
  2. Etwas oder jemanden zu bewerten ist schlecht.
  3. Das Herz ist besser als der Kopf.
  4. Der Geist ist mächtiger als die Materie.
  5. Es gibt ein Leben nach dem Tod.
  6. Loslassen ist besser als Festhalten.
  7. Wir erschaffen uns die Welt, die wir erleben.
  8. Postiv denken ist gut, spirituell und ganzheitlich.
  9. Alles ist eins, Vereinigung ist besser als Trennung.

Zwei Beispiele für seine Argumentationen. Zum ersten Punkt “Das Ego ist schlecht” schreibt Schneider:

Bereits in der buddistischen Lehre wird das Ego in Frage gestellt – und zwar fundamental. Kern der Vorstellung ist die These, dass es das Selbst gar nicht gibt; es ist unter allen Illusionen die Kernillusion. [...] Die Entdeckung der Identität gleicht in dieser Theorie dem Schälen einer Zwiebel: Mit dem Häuten der letzten Schale ist nichts mehr da, der Kern ist leer.
[...] Richtig am Mythos vom unheilbringenden Ego ist: Das Bewusstsein, ein separater Teil des Ganzen zu sein, ist eine, wenn nicht die wichtigste Quelle des menschlichen und zwischenmenschlichen Leidens.
Wer das Ego allerdings nicht nur als Illusion durchschauen, sondern es vernichten will, hat ein Problem: Er kämpft gegen seinen eigenen Schatten, den man bekanntlich nicht loswerden kann. Es ist ja immer das Ego selbst, welches das Ego vernichten will.
Ich nenne es einen Mythos [...], das Ego für unnütz zu halten oder in ihm sogar das Böse schlechthin zu sehen.[...]

Und zum achten Punkt, zum “Positiven Denken”, erklärt er dem kaum noch staunenden Leser:

[...] Psychologisch gesehen ist das positive Denken vor allem eine Schattenverdrängung. Philosophisch gesehen ist es der Blick auf die Welt durch eine rosarote Brille – die Welt ist ja keineswegs so schön und gut, wie die Positivdenker sie gerne zeichnen.
Ist dieser Mythos wenigstens spirituell? Nein, denn Selbstbetrug ist nicht spirituell. Ist er ganzheitlich? Nein, denn der Schatten gehört mit zum Ganzen, ohne ihn ist man nicht vollständig.
Der Ursprung dieser Idee ist: Gute Worte bewirken Gutes. [...] Was man mit positiven Gedanken, Worten und Taten erreichen kann, ist wirklich erstaunlich: Da die Gedanken oft die Ursache von Worten, und Worte die von Taten sind, sollten wir auch die Wirksamkeit von Gedanken nicht unterschätzen. Erst recht dann nicht, wenn es um unser Innenleben und unserer Gesundheit geht, denn ist diesen Bereichen sind Gedanken besonders wirkungsvoll.

Also keine Totalabsage an die Mythen. Schneider hebt sie lediglich vom Thron absoluter Dogmen herab und stellt sie an die ihnen zustehenden Plätze.

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Aus purer Faulheit habe ich den Text übernommen. Mir fehlt derzeit die Muse es umzuschreiben. Finde es aber auf alle Fälle sehr Lesenswert.

Quelle:
Ralviehversum
Psychologie Heute


Antworten

  1. Hello Herr Scneider,
    this is a great book, for both German & English word usages. I ‘ve got it as a kind of Christmas present. And I do read it with more than just interest, I’m more on the ‘English side’. But it could do good both ways, could’nt it?
    Regina N.


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